Mo | 14.9.2009 | ATLAS DER LITERATUREN

John Wray (Autor, New York)

Lowboy – Retter der Welt

Ein schizophrener Ritt auf der New York Subway

Diese Geschichte einer Nacht wird kein gutes Ende nehmen. Und weil das sonnenklar und gar nicht der Punkt ist, verrät uns der Autor schon auf Seite 11: William Heller alias Lowboy, der hochbegabte 16-jährige Junge, »würde das Haus seiner Mutter nie wieder sehen«. Paranoide Schizophrenie lautet die Diagnose für den Strudel, der sich seiner bemächtigt hat. Lowboy spürt, wie er sich selbst verloren geht, und ihm bleibt wenig Zeit, seine Mission zu erfüllen: Er muss die Welt vor dem Klimakollaps retten. Er haut aus der Psychiatrie ab und verschwindet im Tunnelnetz der New Yorker Subway. In dieser bizarren Unterwelt entwickelt John Wray ein irisierendes Spiel aus Licht und Dunkel, Wahn und Wirklichkeit, Liebe und Angst, das auf sanften Pfoten einen klaustrophobischen Sog entfaltet. DIE NACHT – Motto für das Literaturfest Niedersachsen 2009 – wohnt auch in der menschlichen Psyche. Den Lichtstrahl im Tunnel ergreifen als Moderatoren des Abends Salon-Macher Eckhard Stasch und Dorothee Ruyter, die als Fachärztin für Psychiatrie mit der Erlebniswelt schizophrener Jugendlicher vertraut ist.

Ein Beitrag zum Literaturfest Niedersachsen der VGH-Stiftung
www.literaturfest-niedersachsen.de

Presse

Von dem Wahnsinn mit Methode

US-Autor John Wray liest im Literarischen Salon aus „Retter der Welt“

Von STEFAN GOHLISCH

HANNOVER. „Es war nicht immer lustig, es zu schreiben“, sagt John Wray lächelnd, ganz New Yorker Gelassenheit, ebenso Wiener Höflichkeit. Wray, Sohn eines Amerikaners und einer Österreicherin, liest im Literarischen Salon aus „Retter der Welt“, seinem dritten, hoch gelobten Roman, und spricht darüber in einem österreichisch eingefärbten Deutsch, eine Veranstaltung im Rahmen des Literaturfests, gefördert von der VGH-Stiftung.
Der 38-Jährige erzählt von dem 16-jährigen „Buab“, der die Welt vor dem Klima-Kollaps retten will und sich in New Yorks U-Bahn-Tunnel flüchtet. Er skizziert die Schizophrenie des Jungen (und sprichts „Skizzophrenie“ aus), der als gewalttätig gilt, der daher, in einer zweiten Ebene, gejagt wird, die „Oarte“, die er besucht, die Mutter des Jungen, wie seine eigene eine Österreicherin.
Er habe über New York schreiben wollen, „über die Stadt, die mich so fasziniert“. „Wie eine Zwiebel“ nehme er mitunter den Big Apple wahr, sagt Wray: mit Schichten, die einander berühren aber nie durchdringen. In seinem Roman führt er sie zusammen: den Untergrund und die Oberfläche, den Wahnsinn und die Methode (und in der Gestalt eines peniblen Profilers den Wahnsinn mit Methode). Wie ein Exorzismus seien seine Bücher für ihn.
Im Literarischen Salon kam noch die Ebene zwischen Literat und Literatur-Veranstalter hinzu, bei Veranstaltungen wie diesen oft ein ermüdend unlösbares Spannungsfeld. Diesmal wirkte es tatsächlich erhellend.
gol / *****

Neue Presse, Hannover, 16.09.2009

Audio

Mitschnitt der Veranstaltung [1:42 Std.]

Bilder
John Wray, (c) Amber de Vos)

John Wray (© Amber de Vos)

V.l.n.r.: John Wray, Dorothee Ruyter, Eckhard Stasch

V.l.n.r.: John Wray, Dorothee Ruyter, Eckhard Stasch (Foto: PABL°uwe Meier-Boeke, lizenziert unter EUPL 1.1)